Lebenslang hintern Gittern

„Gitter, nichts als enge Gitter“, denke ich, als mich die kleinen Knopfaugen des Nerzes erwartungsvoll anschauen. Ich befinde mich in der Lombardei, auf einer Pelzfarm. Etwa 5000 Tiere leben zurzeit hier. Die „Ernte“ wie sie im Fachjargon genannt wird , ist vorüber. 15.000 dieser Tiere hatten vor wenigen Wochen ihr Leben für die Mode gelassen, die restlichen Tiere werden für die Nachzucht benötigt.

IM Frühling kommen jeweils die Nerzbabys zur Welt. Die Mütter kümmern sich rund acht Wochen lang u m ihre Kinder, dann verstzt man die Kleinen in andere Behausungen. Diese bestehen aus Gitter: Gitter oben, Gitter unten, Gitter vorn, Gitter hinten, Gitter an den Seiten. Das ganze Nerz-Zuhause für ein einziges Tier hat gerade mal die Fläche von etwa vier A4-Blättern. Darin befindet sich hinten zusätzlich eine Nistbox.

Durch das Bodengitter können die Tiere die Erde nur sehen. Sie ist bedeckt von ihren Exkrementen, die Tag für Tag durch die Stäbe fallen. In der Natur jedoch lieben es Nerze, in der Erde zu graben. Ob sie diesen Drang auch jetzt verspüren, wo die Erde zwar so nahe, aber dennoch für immer unerreichbar sein wird? Der kleine dunkelbraune Nerz ist aufgeregt. Meine Gegenwart bringt etwas Abwechslung in seinen sonst reizlosen Alltag. Er starrt mich an, fiept und nickt mit dem Kopf. „D559Z“ steht auf seinem Käfig. Einen Namen bekommen die Tiere nicht. Zur linken Seite kann D559Z seine Artgenossen sehen. Ein Käfig reiht sich an den nächsten. In der Natur jedoch sind Nerze Einzelgänger und habe Reviere, die bis zu 20 Hektaren gross sind. Man muss sich das einmal vorstellen: Das sind 200.000 Quadratmeter. Hier steht dem Tier nicht einmal ein Quadratmeter zur Verfügung!

Bis im November oder Dezember verbleiben die jungen Tiere in ihren Käfigen. Täglich wird auf das obere Gitter der gleiche Futterbrei gespritzt. Eine andere Abwechslung als diese, abgesehen vom sich ändernden Wetter, gibt es für diese Tiere nicht. Ihre natürlichen Bedürfnisse nach Schwimmen, Graben, Rennen, Tauchen und Jagen dürfen sie nie ausleben, nicht einmal ansatzweise. Sie seien domestiziert, heisst es seitens des europäischen Pelzfachverbandes und deshalb hätten sie diese Bedürfnisse nicht mehr. Aber auch Katzen und Hunde sind domestiziert, noch viel mehr als Wildtiere, dennoch würde ihnen doch niemand das Bedürfnis nach Bewegung und Beschäftigung absprechen, oder?

Glaubt man an Prognosen, wird der Markt für Pelz in den kommenden Jahren massiv wachsen. Dies wird zwangsläufig durch ein immenses, für den Laien kaum vorstellbares Tierelend begleitet werden. Und das alles geschieht rechtmässig, denn die europäischen Richtlinien erlauben diese Tierhaltung. In der Schweiz wäre sie verboten. Dennoch wird immer mehr Pelz importiert. Die Einkäufer kümmern sich gerade jetzt um die nächsten Herbst-/Winterkollektionen, und sie schwören auf die Optik von Echtfell. Schliesslich will das der Konsumen!

Auch D559Z wird zu einem Teil eines Kleidungsstücks verarbeitet werden. Sein Leben lang wird er nur als Produkt gesehen. Das grosse, wilde Herz, das acht Monate lang in seiner Brust schlägt, und die unendliche Sehnsucht, die in seinen Augen liegt, ausser mir wird sie wohl nie jemand wahrnehmen. Und ich kann nichts für ihn tun, ausser hoffen, dass die Menschen irgendwann einsichtig und vernüftiger werden.

Von Esther Geisser

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